Lichterkette Pankow 2026

Am 27. Januar haben wir als Hashomer Hatzair Deutschland an der Lichterkette in Pankow teilgenommen und mit einer Rede aus unserem Jugendteam an die Shoah erinnert. Dabei wurde deutlich gemacht, dass Gedenken für uns nicht nur Erinnerung an die Vergangenheit bedeutet, sondern auch Verantwortung in der Gegenwart: gegen Antisemitismus, Rassismus und Faschismus – in Pankow, in Berlin und überall. Besonders junge jüdische Menschen erleben heute wieder Angst und Ausgrenzung, weshalb sichere Räume, politische Bildung und solidarisches Handeln umso wichtiger sind. Als jüdischer, sozialistischer Jugendverband stehen wir in der Tradition von Widerstand, Erinnerung und dem Einsatz für eine gerechtere Gesellschaft. Die Rede unseres Jugendteams könnt ihr hier nachlesen:

Liebe Pankower*innnen, liebe Antifaschist*innen, liebe Freundin*innen,

danke, dass ihr heute hier seid. Danke, dass wir gemeinsam an die Shoah erinnern und ein klares Zeichen gegen Antisemitismus, Rassismus und Faschismus setzen.

Ich spreche heute als Gruppenleiterin von Hashomer Hatzair, einer der ältesten jüdischen Jugendbewegungen der Welt. Unsere Bewegung ist international, säkular jüdisch und sozialistisch. Sie wurde 1913 in der polnischen Provinz Galizien gegründet und ist heute in 27 Ländern aktiv. Hier in Berlin feiern wir dieses Jahr den 14. Geburtstag unserer Rückkehr nach Deutschland, nachdem wir vor 87 Jahren verboten wurden. Wir sind zurückgekehrt, um weiterzukämpfen: für eine gerechtere, solidarische Gesellschaft!
Ich stehe heute hier auch als 17-jährige Pankowerin, die nicht weit von hier zur Schule geht und sich ehrenamtlich bei Hashomer Hatzair engagiert. Ich bin mit vielen Kindern und Jugendlichen in Kontakt und viele von ihnen haben Angst. Angst vor der Zukunft, die bedroht wird durch totalitäre und faschistische Regime und Parteien, Kriege und den Klimawandel. Und in unserem Ken, unserem Jugendzentrum, erzählen Kinder davon, dass sie Angst haben, ihren Davidstern offen zu tragen.
Und diese Angst kommt nicht von irgendwoher. Wir erleben gerade einen massiven Rechtsruck, auch hier bei uns. In einigen Wahlbezirken in Pankow hat die AfD die Wahl gewonnen. In meinem eigenen Jahrgang gibt es Mitschüler, die offen sagen, dass sie die AfD unterstützen und die Werte von ihnen vertreten. Eine Partei, dessen Mitglieder wöchentlich menschenverachtende, rassistische und antisemitische Dinge äußern und damit immer lauter werden.
Das ist kein abstraktes Problem, das ist unsere Realität in Pankow, in Berlin, in Schulen und Jugendräumen. Und genau deshalb ist das Erinnern heute so dringend wie nie.
Unser Jugendzentrum ist ein Ort, an dem sich fast jeden Samstag Kinder und Jugendliche zwischen 7 und 18 Jahren treffen. Sie kommen aus unterschiedlichen Ländern, aus verschiedenen Teilen Berlins und aus unterschiedlichen Familien. Aber uns verbindet der Wille, diese Welt zu verändern.
Wir sprechen über Geschichte, über Identität, über Gerechtigkeit und wir lernen, nicht wegzusehen.
Viele unserer Mitglieder haben in ihrer Familie Angehörige, die im Holocaust ermordet wurden, andere in ihrer Überlebende.
Das Gedenken an die Shoah zeigt uns aber, dass Erinnerung allein nicht ausreicht. Wenn sie keine Konsequenzen hat, ist sie umsonst. Erinnern heißt handeln.
Heute bedeutet das, dem wachsenden Faschismus, dem Antisemitismus und dem Rassismus entschlossen entgegenzutreten, auch und gerade dort, wo all das wieder normalisiert wird.

Das gilt nicht nur für Deutschland, sondern auch für Frankreich, Italien, Ungarn oder Israel, wo wir als Hashomer ebenso aktiv sind. Überall dort muss sich gegen rechtsextreme Kräfte eingesetzt und Frieden und Gerechtigkeit geschaffen werden.
Deswegen steht Hashomer Hatzair auch für Widerstand. Viele unserer Mitglieder waren während des Nationalsozialismus selbst Teil des jüdischen Widerstands.
Mädchen in meinem Alter und jünger waren aktiv gegen die Nazis und wurden dafür verurteilt und hingerichtet. Diese Geschichte ist Teil unserer Bewegung und sie ist eine Verpflichtung.
Mein eigener Urgroßvater hat Auschwitz und den Todesmarsch nach Buchenwald überlebt. Danach hat er sich sein Leben lang gegen das Vergessen eingesetzt und für eine gerechtere Gesellschaft gekämpft.
Dieses Erbe müssen wir weitertragen und das geben wir auch an unsere Chanichim*ot, unsere Teilnehmenden, weiter. Unser Ken ist ein Ort der Solidarität, des Zusammenhalts und der politischen Bildung. Ein Ort, an dem junge Menschen sich sicher fühlen sollen. Und er steht auch für nicht-jüdische Kinder und Jugendliche offen, die unsere Werte teilen und sich gemeinsam mit uns für eine antifaschistische Gesellschaft einsetzen wollen. Also kommt vorbei, wenn ihr interessiert seid!
Hashomer Hatzair ist wieder da als Jugendverband in Deutschland und wir tragen jetzt mehr Verantwortung als Bewegung. Wir entwickeln Bildungsmaterialien zu jüdischer Bildung und Empowerment und in unserem neuen Kultur- und Jugendzentrum in Berlin-Friedrichshain heißen wir auch externe Gruppen willkommen. Im kommenden Jahr wollen wir außerdem noch mehr über unsere wenig bekannte Geschichte in Deutschland herausfinden, vor allem über die Kommune für junge Leute, die unsere Mitglieder in den 1930er Jahren in
Berlin-Moabit betrieben haben. Wir freuen uns über eure Unterstützung dabei!

Wir sind stolz, wieder hier in Berlin aktiv zu sein. Und wir werden nicht aufhören, uns für eine Welt ohne Antisemitismus, Rassismus, Faschismus und jegliche andere Form von Hass einzusetzen.

Lasst uns solidarisch bleiben, füreinander einstehen und dafür kämpfen, dass ein Leben ohne Angst, ohne Hass und ohne Ausgrenzung Wirklichkeit wird.
Lasst uns gemeinsam erinnern
Lasst uns gemeinsam Widerstand leisten
Seid stark und mutig – Chazak Veematz!